Wrestler sind im Vergleich zu anderen Sportarten sehr häufig von einer Abhängigkeit von Schmerzmitteln betroffen.

Wrestling: Warum sind so viele Wrestler abhängig von Schmerzmittel?

Der hohe Preis der „Fake-Fights“? Wenn die Lichter in der Arena ausgehen und der letzte Applaus verklungen ist, beginnt für viele Helden des Rings der härteste Kampf des Abends: der Kampf gegen den eigenen Körper.

Professional Wrestling ist ein bizarres Hybrid-Spektakel. Es ist Sport, Theater, Stunt-Show und Seifenoper zugleich. Der Ausgang der Matches ist abgesprochen (das sogenannte „Kayfabe“), die Fehden sind geschrieben. Doch für das Publikum – und oft auch für die Kritiker – endet das Verständnis hier oft. Denn während das Ergebnis „fake“ ist, sind die Schwerkraft, der harte Ringboden und die physischen Auswirkungen der Aktionen brutal real.

Dieser Artikel wirft einen tiefen, analytischen Blick hinter den Vorhang einer Milliarden-Industrie. Wir untersuchen, warum eine erschreckend hohe Zahl von Wrestlern, von den goldenen 80ern bis in die heutige Indie-Szene, in eine Spirale aus chronischen Schmerzen und der Abhängigkeit von Opioiden und Muskelrelaxantien gerät. Es ist eine Geschichte über toxische Männlichkeit, unmenschliche Zeitpläne und eine Kultur, die das „Durchhalten“ über die Gesundheit stellt.

Die physische Realität: Ein Autounfall pro Abend

Das grundlegendste Missverständnis über Wrestling ist, dass die Aktionen „nicht wehtun“, weil sie choreografiert sind. Das Gegenteil ist der Fall.

Ein Wrestling-Ring ist kein Trampolin. Es ist eine dünne Matte über Holzplanken, gestützt von Stahlträgern. Jeder „Bump“ – das kontrollierte Fallen auf den Rücken, um einen Wurf zu verkaufen – sendet eine Schockwelle durch die Wirbelsäule, die mit einem kleinen Autounfall vergleichbar ist.

Ein Wrestler nimmt in einem durchschnittlichen Match vielleicht 10 bis 20 solcher Bumps. Multiplizieren Sie das über eine Karriere von 15 oder 20 Jahren. Das Ergebnis ist kein akutes Trauma, wie ein Knochenbruch im Fußball, sondern ein kumulativer Mikrotrauma-Verschleiß. Bandscheibenvorfälle, Knorpelschäden in den Knien, geplatzte Bizepssehnen und unzählige Gehirnerschütterungen sind keine „Verletzungen“ im eigentlichen Sinne, sondern Berufsrisiko und Alltag.

Der Körper befindet sich in einem permanenten Entzündungszustand. Es gibt keinen Morgen, an dem ein Veteran nicht mit Schmerzen aufwacht.

Wrestling: Warum sind so viele Wrestler abhängig von Schmerzmittel? (Bild: Symbolbild)

Der Zeitplan aus der Hölle: Keine „Off-Season“

Im Gegensatz zu „echten“ Profisportlern in der NFL, NBA oder Bundesliga gibt es im Wrestling keine Saisonpause. Es gibt keine drei Monate im Sommer, um Operationen auszukurieren oder Reha zu machen.

  • Die großen Ligen (WWE, AEW): Top-Stars sind oft 200 bis 300 Tage im Jahr „on the road“. Sie fahren von Stadt zu Stadt, schlafen in billigen Hotels, trainieren morgens im Gym und performen abends.
  • Die Indie-Szene: Hier ist es oft noch schlimmer. Um über die Runden zu kommen, wrestlen Performer oft Freitag, Samstag und Sonntag in verschiedenen Städten, fahren hunderte Kilometer selbst und verdienen kaum genug für eine Krankenversicherung.

In diesem System ist Zeit der Luxus, den niemand hat. Wenn ein Knie schmerzt, kann man es nicht sechs Wochen schonen. Man muss am nächsten Abend in Des Moines, Iowa, im Main Event stehen.

Hier entsteht der Zwang zur sofortigen Linderung. Physiotherapie braucht Zeit. Opioide wirken in 20 Minuten.

Die toxische Backstage-Kultur: „Protect your Spot“

Die psychologische Komponente ist ebenso entscheidend wie die physische. Wrestling war historisch gesehen ein „Carny Business“ – ein Jahrmarktgeschäft, geprägt von einer extrem harten, maskulinen Kultur.

Es galt (und gilt teilweise immer noch) als Zeichen von Schwäche, Schmerzen zuzugeben. Wer „Schmerz verkauft“, wenn die Kamera aus ist, gilt als „weich“. Noch wichtiger ist die Angst um den eigenen Arbeitsplatz.

Im Wrestling gibt es nur wenige Top-Plätze. Wer aufgrund einer Verletzung ausfällt, verliert seinen „Push“ (seine Storyline-Förderung). Ein anderer nimmt den Platz ein, und man selbst landet nach der Rückkehr vielleicht wieder in der Bedeutungslosigkeit der Undercard – was massive finanzielle Einbußen bedeutet.

Der Druck ist immens: „Work through the pain.“ Wrestler lernen, Verletzungen zu verstecken, Zähne zusammenzubeißen und zu „funktionieren“. Und um dieses Funktionieren trotz unerträglicher Schmerzen zu ermöglichen, wird die chemische Krücke zur Notwendigkeit.

Der tödliche Cocktail: Opioide und das „Soma-Koma“

Welche Substanzen sind es, die die Wrestling-Welt seit Jahrzehnten plagen? Es ist selten Heroin oder „Straßendrogen“. Es ist eine pharmazeutische Abhängigkeit, die oft mit einem legitimen Rezept für eine echte Verletzung beginnt.

Die Opioid-Krise im Ring

Substanzen wie Vicodin (Hydrocodon), Percocet (Oxycodon) oder OxyContin wurden über Jahrzehnte hinweg wie Bonbons in Umkleideräumen verteilt. Sie docken an die Opioidrezeptoren im Gehirn an, blockieren das Schmerzsignal und erzeugen ein Gefühl der Euphorie und emotionalen Taubheit.

Für den Wrestler ist das perfekt: Der Körper tut nicht mehr weh, und der mentale Stress der ständigen Reisen und des Leistungsdrucks verfliegt. Doch die Toleranzentwicklung ist rasant. Was mit zwei Pillen nach einem harten Match beginnt, endet oft bei 10, 20 oder mehr Pillen pro Tag, nur um Entzugserscheinungen zu vermeiden.

Die Rolle von Muskelrelaxantien (Soma)

Ein besonders berüchtigtes Kapitel in der Wrestling-Pharmakologie spielt Carisoprodol, bekannt unter dem Markennamen Soma. Wrestler sind oft extrem muskulös und leiden unter chronischen Verspannungen und Krämpfen durch die ständigen Stöße. Soma ist ein starkes Muskelrelaxans, das auch sedierend wirkt.

Die Gefahr: Die Kombination von Opioiden (Atemdepression) und Muskelrelaxantien wie Soma (verstärkt die sedierende Wirkung) ist extrem gefährlich und war die Ursache für unzählige Überdosierungen in der Branche. Im Jargon sprach man oft vom „Soma Coma“ – dem Zustand, in dem Wrestler nach der Einnahme völlig weggetreten waren.

Ein langsamer Wandel? Die moderne Ära

Die späten 90er und frühen 2000er Jahre waren der Höhepunkt dieser Krise, markiert durch die tragischen, viel zu frühen Tode von Legenden wie Eddie Guerrero, Mr. Perfect oder der entsetzlichen Tragödie um Chris Benoit (bei der auch CTE/Gehirnerschütterungen eine massive Rolle spielten).

Der öffentliche Druck zwang Marktführer WWE dazu, eine „Wellness Policy“ einzuführen. Es gibt nun Drogentests, Herzuntersuchungen und – theoretisch – eine strengere Kontrolle von Verschreibungen. Die Kultur hat sich etwas gewandelt; Videospiele im Backstage-Bereich haben Koks und Soma teilweise ersetzt.

Doch das Problem ist nicht gelöst. Es hat sich nur verlagert. Die physische Belastung ist heute höher denn je, da der athletische Anspruch gestiegen ist. In den unabhängigen Ligen gibt es keine Wellness Policies. Und auch in den großen Ligen finden Performer Wege, Schmerzmittel zu nutzen, solange sie ein gültiges Rezept haben – die Grauzone bleibt riesig.

Fazit: Ja, im Wrestling gibt es wohl ein systematisches Versagen

Die Abhängigkeit von Schmerzmitteln im Wrestling ist kein Problem individueller Charakterschwäche. Es ist das Symptom eines Systems, das menschliche Körper wie Wegwerfprodukte behandelt. Leider! In einer Netflix-Doku über dieses Thema ist dies zu erahnen, vor allem bei einem ehemaligen Chef einer großen Wrestling-Promotion.

Solange das Geschäftsmodell darauf basiert, dass Menschen an 250 Tagen im Jahr auf Hartholz fallen, ohne Zeit zur Regeneration zu haben, wird die chemische Schmerzbewältigung ein dunkler Begleiter dieses glitzernden Spektakels bleiben. Es ist wichtig, als Fan diese Realität anzuerkennen und nicht wegzusehen, wenn die Helden des Rings ihren Tribut zollen.

FAQ: Häufige Fragen zu Schmerzmitteln und Gesundheit im Wrestling

Bezüglich dem Wrestling oder besser gesagt den Wrestlern in Verbindung mit Opioiden bzw. Schmerzmitteln, gibt es zahlreiche Fragen. Die häufigen Fragen habe ich mir notiert und folglich recherchiert. Im Folgenden gibt es meine Ergebnisse, die wohl zum aktuellen Zeitpunkt aktuell sind.

  • Ist Wrestling „Fake“ oder tun die Schläge wirklich weh?

    Während der Ausgang der Matches abgesprochen ist (das sogenannte „Kayfabe“) und Schläge oft nicht voll durchgezogen werden, sind die Stürze auf die Matte absolut real. Der Ringboden besteht aus Holzplanken mit einer nur dünnen Polsterung. Ein einfacher Wurf („Bump“) setzt den Körper einer Erschütterung aus, die mit einem kleinen Autounfall bei niedriger Geschwindigkeit vergleichbar ist. Die Schmerzen und die physische Abnutzung sind daher zu 100 % echt.

  • Warum machen verletzte Wrestler keine Pause, um gesund zu werden?

    Im Gegensatz zu anderen Profisportarten wie Fußball gibt es im Wrestling keine „Saisonpause“ (Off-Season). Wer nicht auftritt, verdient oft kein Geld (besonders in der Indie-Szene) oder riskiert seinen Platz in den TV-Shows („Spot“). Die Angst, durch eine Verletzungspause in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden, zwingt viele Performer dazu, Verletzungen zu ignorieren und mit Schmerzmitteln zu unterdrücken.

  • Was versteht man unter dem „Soma Coma“?

    Das „Soma Coma“ bezeichnet einen gefährlichen Zustand der totalen Sedierung, der durch den Missbrauch des Muskelrelaxans Carisoprodol (Markenname: Soma) entsteht. Wrestler kombinierten Soma häufig mit Alkohol oder Opioiden, um nach den Kämpfen „herunterzukommen“ oder Schmerzen zu betäuben. Diese Mischung führt oft zu Orientierungslosigkeit, Sprachstörungen und im schlimmsten Fall zum Atemstillstand.

  • Gibt es heute Drogen-Tests bei WWE und AEW?

    Nach mehreren tragischen Todesfällen führte der Marktführer WWE im Jahr 2006 die sogenannte „Wellness Policy“ ein. Diese umfasst Tests auf Drogen, Steroide und Herzprobleme. Wer positiv getestet wird, wird suspendiert. Allerdings gibt es immer noch Grauzonen (z.B. bei gültigen Rezepten) und in den kleineren, unabhängigen Ligen (Indies) existieren solche kostspieligen Testprogramme so gut wie gar nicht.

  • Welche Schmerzmittel werden im Wrestling am häufigsten missbraucht?

    Historisch gesehen sind es vor allem starke Opioide wie Hydrocodon (Vicodin) und Oxycodon (Percocet, OxyContin), die aufgrund ihrer euphorisierenden und schmerzstillenden Wirkung weit verbreitet waren. Dazu kommen Benzodiazepine (wie Xanax) gegen die Angst und Muskelrelaxantien (Soma) gegen die körperlichen Krämpfe. Dieser Cocktail ist extrem suchterzeugend und körperlich belastend.

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